Wie soziale Verbindungen deine Resilienz stärken können
Resilienz – die Fähigkeit, gestärkt aus Krisen hervorzugehen – kann man sich ein bisschen wie einen Muskel vorstellen: Sie wird stärker, wenn wir sie trainieren. Und eine der besten Möglichkeiten, diesen Muskel zu trainieren, ist durch etwas, das in der heutigen Zeit leider immer weniger Stellenwert einnimmt: unsere sozialen Verbindungen.
Denn Social Media, ChatGPT und Co. sind schön und gut - am Ende des Tages sind wir jedoch soziale Wesen, die nicht dafür gemacht sind, alles alleine zu tragen. Und das ist keine Schwäche, sondern der Weg zu mehr Stärke und Widerstandskraft.
Das Unsichtbare Netz, das uns trägt
Nimm dir kurz Zeit und denke an eine Situation zurück, die dich wirklich mitgenommen hat - vielleicht ein Konflikt im Job, eine schwierige Trennung oder eine Phase, in der einfach alles zu viel war. Jetzt frage dich: Gab es da jemanden, der dir den Rücken gestärkt hat? Vielleicht eine Freundin, die einfach nur zugehört hat, ohne gleich eine Lösung anzubieten? Oder ein Familienmitglied, das dich zum Lachen gebracht hat, obwohl du dachtest, dir wäre gar nicht danach?
Genau das sind die Momente, in denen soziale Verbindungen den Unterschied machen. Und das ist nicht nur Gefühlssache: Wissenschaftlich belegt ist, dass stabile Beziehungen einen enormen Einfluss auf unsere psychische und physische Gesundheit haben.
Eine Langzeitstudie der Harvard University, die seit über 80 Jahren läuft, hat gezeigt, dass enge soziale Beziehungen der stärkste Faktor für ein langes und glückliches Leben sind – noch vor Geld, Ruhm oder beruflichem Erfolg. Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen mit starken sozialen Bindungen nicht nur glücklicher, sondern auch körperlich gesünder sind. (1)
Soziale Bindungen aktivieren unser Belohnungssystem und reduzieren das Stressempfinden durch die Ausschüttung von Oxytocin, einem Hormon, das mit Wohlgefühlen und Vertrauen assoziiert ist. Diese chemischen Reaktionen im Gehirn führen dazu, dass wir uns sicherer und geborgener fühlen. (2)
Auch eine Metaanalyse von Holt-Lunstad et al. (2010), die 148 Studien zusammenfasste, fand heraus, dass Menschen mit guten sozialen Netzwerken eine um 50 % höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben als solche mit weniger Verbindungen. Die Wirkung ist vergleichbar mit dem Aufgeben von Rauchen. (3)
Dazu könnte unter anderem beitragen, dass Menschen mit starken sozialen Verbindungen eine bessere Immunreaktion und eine schnellere Erholung nach belastenden Ereignissen zeigen (Uchino, 2009). (4)
Soziale Verbindungen wirken somit wie ein emotionaler Polster auf unser Leben. Sie helfen uns dabei:
Gefühle zu sortieren, indem wir mit anderen reden und dadurch besser verstehen, was in uns vorgeht.
Neue Perspektiven zu gewinnen, weil das, was für uns riesig und unüberwindbar wirkt, von außen manchmal gar nicht so dramatisch aussieht.
Uns schon allein durch das Wissen, dass jemand für uns da ist, beruhigt und weniger allein zu fühlen.
Herausforderungen nicht alleine stemmen zu müssen - denn vier Hände tragen mehr als zwei, und zwei Köpfe sind schlauer als einer.
Kleine Dinge, große Wirkung
Du denkst jetzt vielleicht etwas in die Richtung von „Aber ich habe doch gar nicht so viele enge Freundschaften“ oder “Ich habe nicht die Zeit, um so viele soziale Kontakte zu pflegen”.
Hier können wir dich jedoch beruhigen: Es müssen nicht immer die großen Gesten sein. Resilienz kann schon dadurch entstehen, dass wir kleine, alltägliche Verbindungen pflegen.
Der kurze Plausch mit der Nachbarin beim Einkaufen.
Die witzige Nachricht in der WhatsApp-Gruppe.
Das Gespräch mit einem Kollegen, das über Arbeit hinausgeht.
Das zweiwöchentliche Telefonat mit einer guten Freundin.
Die 30 Minuten Quality Time mit dem Partner beim Abendessen.
All das baut dieses unsichtbare Netz, das uns auffängt, wenn wir ins Straucheln geraten. Selbst flüchtige soziale Kontakte, wie ein nettes Gespräch mit einem:r Fremden im Café, können unser Stresslevel senken. Studien der University of British Columbia zeigten, dass solche Mikro-Interaktionen einen messbaren positiven Effekt auf unsere Stimmung haben. (5)
Auf der anderen Seite geht es aber auch nicht darum, möglichst viele Bekanntschaften zu haben, sondern tiefergehende und qualitative Beziehungen zu pflegen. Qualitätsvolle Verbindungen zeichnen sich durch Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und echtes Interesse aus. Solche Beziehungen sind nicht nur Stützpfeiler in schwierigen Zeiten, sondern auch eine Quelle von Freude und Wohlbefinden in deinem Alltag.
Ein kleiner Schritt für diese Woche
Am Ende geht es darum, in die Beziehungen zu investieren, die dir gut tun - denn genau das macht dich resilient.
Frage dich: Welche Menschen in deinem Leben geben dir Energie? Von wem fühlst du dich verstanden und unterstützt?
Wenn du diese Fragen beantwortest, erkennst du schnell, wer in deinem Leben eine positive Rolle spielt. Und genau diese Beziehungen sind es, die du aktiv stärken solltest. Manchmal reicht es dazu schon, einander zu erinnern: „Hey, ich bin für dich da.“
Frage dich: Wann hast du das letzte Mal einem lieben Menschen in deinem Leben gezeigt, dass er dir wichtig ist?
Vielleicht ist heute ein guter Tag, um genau das zu tun ❤
Quellen:
(1) Robert Waldinger, "What Makes a Good Life? Lessons from the Longest Study on Happiness" (TED Talk)
(1) Waldinger, R. J., & Schulz, M. S. (2010). "What's Love Got to Do With It? Social Functioning, Perceived Health, and Daily Happiness in Married and Widowed Older Adults." Psychology and Aging.
(2) Kogan, A., et al. (2011). "Oxytocin and Social Bonding." Nature Reviews Neuroscience. https://doi.org/10.1038/nrn3220
(2) Heinrichs, M., et al. (2003). "Social Support and Oxytocin in Human Stress Response." Biological Psychiatry. https://doi.org/10.1016/S0006-3223(03)00467-7
(3) Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). "Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review” https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316
(4) Uchino, B. N. (2009). Understanding the links between social support and physical health: A life-span perspective with emphasis on the separability of perceived and received support. Perspectives on Psychological Science, 4(3), 310-327. https://doi.org/10.1111/j.1745-6924.2009.01122.x
(5) Sandstrom, G. M., & Dunn, E. W. (2014). "Social Interactions and Well-being: The Surprising Power of Weak Ties" https://doi.org/10.1177/0146167214529799